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Rock 'n' Roll - Wir rocken den Abschied

Der Bau der Betonmauer

In meinem vorletzten Newsletter teilte ich mit, dass ich den Wunsch verspürt habe, einen Zaun zu bauen, um unseren Kindern eine Sicherheit vor den schnell befahrenen Straßen zu gewähren und, dass uns noch € 600,00 fehlen würde. Aus diesem Plan wurde leider nichts. Ein Zaun, der nur aus Holzpfählen bestehen würde, hätte keine Nachhaltigkeit, da das Holz über Nacht geklaut werden würde, um mit diesem Wärme zu schaffen. Da es keinen Strom gibt, ergo keine Heizungen, wird ein Grill genutzt, um sich hier über die kalten Abendstunden aufzuwärmen. Wir entschieden uns für eine Betonmauer, die robust und widerstandsfähig ist, die wir am Ende, zusammen mit den Kindern, auch bemalen könnten, damit sie etwas kinderfreundlicher aussieht. So toll die Idee auch klang, günstig war sie nicht. Malina, meine Mitfreiwillige, und ich haben uns an unsere Laptops gesetzt und Gott und die Welt angeschrieben. Und nach mehr als einem Monat haben wir N$ 30.000,00 sammeln können. Das klingt toller als es ist, aber mit diesem Betrag hätten wir die Mauer immer noch nicht finanzieren können. Die Mauer kostet laut Kostenvoranschlag inklusive Steuern N$ 60.000,00. Ich setzte einen Zeitungsartikel in die Allgemeine Zeitung und bat die „gutbetuchte“ Gemeinschaft hier vor Ort um Unterstützung. Am Tag der Erscheinung des Artikels bekam ich direkt Besuch einer Dame im Projekt, die mir zusagte, die Hälfte der Kosten zu übernehmen. An diesem Tag hatte ich die Bestätigung, dass die Mauer finanziert ist und wir mit dem Bau direkt loslegen könnten. Die Baufirma erwartete eine Anzahlung, die wir leisteten und wenige Tage später begann auch schon der Bau.

Aus einem nackten Grundstück wurde eine Baustelle. Es dauerte wenige Tage bis die Betonpfähle in den Boden einbetoniert wurden und standen. Die Stadtverwaltung sagt, dass eine dauerhafte oder permanente Struktur im „Township“ DRC nicht erlaubt sei – es muss schnell und einfach entfernt werden können, sollte die Stadt die Menschen dazu auffordern, diese illegale Siedlung zu verlassen. Die Mauer, wie auch die Schulcontainer sind bewegbar und sollte es diese Siedlung bald aus welch Gründen auch immer nicht mehr geben und alle müssen sich von diesem Platz entfernen, so wäre das ein Umstand, der Kosten verursachen würde, aber ansonsten mit keinen weiteren Problemen verbunden. Die DRC, Democratic Resettlement Community, wächst aber täglich, immer mehr Menschen ziehen hinzu, immer mehr Mütter bekommen Nachwuchs und immer schwieriger wird es eine Arbeit zu finden, ohne Nachweis einer abgeschlossenen Schulausbildung, Arbeitserfahrung oder sonstigen Qualifikationen.
Mauer fast vollendet

Als die Pfähle standen waren wir alle überglücklich, dass der Bau erfolgreich und ohne Komplikationen vorangeht. Und wir sehnten uns nach dem Tag, an dem die Betonplatten aufeinander eingesetzt werden und die Mauer die Form bekommt, die wir uns gewünscht haben. Wenn doch alles nur so unkompliziert laufen würde - aber die Arbeiter kamen nicht mehr, nachdem die Betonpfähle standen. Malina und ich hatten die Befürchtung, dass wir den Bau wohl nicht mehr miterleben würden. Uns war es nämlich sehr wichtig, dass der Bau fertig wird, bevor wir das Land verlassen, damit wir zumindest noch streichen können.

Wir warteten und warteten und entschieden uns schlussendlich die Baufirma anzurufen. Diese sagte uns, dass die Maschine kaputt wäre, die sie immer für den Bau nutzen. Diese Maschine war uns bis zu diesem Anruf völlig unbekannt. Ebenso teilte uns der Bauherr mit, dass sie mindestens 3 Wochen für den Bau bräuchten. Malina und ich schauten uns nur sprachlos an und wussten keine Reaktion. Wir sammelten uns und baten den Bauherrn zumindest die Vorderseite in den nächsten Tagen fertig zu bekommen. Und nun steht die Vorderseite und es besteht keine Möglichkeit für die Kinder auf die Straße zu rennen, wenn wir nur noch ein Tor hätten. Ich bin mit einem Schreiner in Kontakt, der uns in dieser Angelegenheit helfen möchte. Ich bin optimistisch, dass wir das Tor bis zum Abreisetermin organisieren werden können. Die Mauer steht, die Farbe noch nicht. Wir werden in den nächsten Tagen ein wenig Farbe kaufen, um mit den Kindern einen Teil der Mauer mit Fuß- und Handabdrücken zu bemalen und unserer Kreativität freien Lauf zu lassen. Den restlichen Teil, dachten wir uns, lassen wir von einem kreativen Maler bestreichen. Ich bin noch auf der Suche nach Sponsoren hier vor Ort, die uns mit Farbe unterstützen würden. Diese Aufgabe werde ich den nächsten Freiwilligen in die Hand geben, weil unsere Abreise bevorsteht und wir keine Zeit mehr haben - so viele Ideen, so viele Pläne, so wenig Zeit.

Sonne, böse Sonne

Als, wenn der Bau der Mauer nicht genug sei, wurde das Schulprojekt mit einem Schattennetz gesponsert, das etwas zu klein ausfiel, sodass Malina und ich uns entschieden, das Schattennetz mit dem Sponsorengeld, das uns noch zur Verfügung stand, zu erweitern. Die Sonne, draußen in der Wüste, kann sehr aggressiv werden. Das Netz dient dazu, dass die Kinder nicht der prallen Hitze ausgesetzt sind. Die Arbeiter, die auch im DRC leben, kommen uns preislich bei Handwerksarbeiten sehr oft entgegen, mehr als die wohlhabende Gesellschaft. Ich finde diese Solidarität und Gemeinschaft sehr beeindruckend.

Auf Wiedersehen, kleine Familie

Meine regelmäßigen Leser erinnern sich sicherlich noch an Beatha und ihr neugeborenes Kind Tangeni, meine kleine Familie, für die ich mich die letzten Monate von Herzen gerne verantwortlich gefühlt und unterstützt habe. Wir waren diese Woche das letzte Mal zusammen einkaufen und haben einen Großeinkauf getätigt, damit sie nach meiner Abreise für die nächste Zeit erstmal versorgt ist. Da mir meine Mutter monatlich etwas Taschengeld überweist, kann ich es mir finanziell erlauben, mal hier und da einen Einkauf zu übernehmen.

Wir waren im Supermarkt an der Fleischtheke und ich dachte mir, sie möchte ein Stück Fleisch kaufen. Bis dahin wusste sie natürlich nicht von der Überraschung, dass ich den Einkauf übernehme. Sie verlangte jedoch keine Würstchen oder 1kg Hackfleisch oder ein 500g Steak, sondern ein Schwein – zerlegt und zum Mitnehmen bitte. Ich konnte meinen Augen nicht trauen, als die Verkäuferin aus der Tiefkühltruhe dann ein Schwein rausholte. Beatha sagte mir, dass es eine gute Investition sei, weil ihre Kunden gerne Schwein kaufen würden. Ich fuhr gemütlich mit meinem Einkaufswagen durch den Supermarkt, während Beatha auf ihr zerhacktes Schwein wartete. Ich wusste, welche Grundnahrungsmittel sie täglich konsumiert, was sie mag und was sie meidet. Als ich wiederkam, stand sie noch immer an der Theke, sah meinen Einkaufswagen und fragte mich, ob ich all die Lebensmittel denn noch essen könne bis zur Abreise. Ich daraufhin: „No, it’s only for you!“ – ihr Gesicht hätte ich aufnehmen müssen. Aber ich habe ihr lachend mitgeteilt, dass ich dieses Schwein nicht finanzieren werde, weil es gegen meine Religion sei. Was für ein Schwachsinn natürlich, das wusste sie. Sie bezahlte das Schwein, ich den anderen Einkauf und so fuhren wir in aller Ruhe wieder nach Hause, ins DRC.

Ihr Tuck Shop ist ihre einzige Einnahmequelle, um sich und ihr neugeborenes Kind Tangeni zu ernähren. Sie verdient nicht viel, ist aber glücklich mit dem was sie hat. Ihr Erspartes auf ihrem Konto, in das sie mir Einblick gewährte, ist in meinen Augen erschreckend wenig, keine Absicherung für schwere Zeiten, wie wir es in Deutschland haben.

Beatha äußerte in irgendeinem Gespräch in den letzten Wochen, dass sie ihr Tuck Shop (Kiosk) bald gerne streichen würde. Vor einigen Tagen einigten wir uns dann darauf, ihr Haus neu zu streichen, damit es wieder einladend aussieht und sie dadurch hoffentlich auch mehr Kunden bekommt. Da ich nächste Woche meinen letzten Arbeitstag habe und ich Beatha und Tangeni für eine lange Zeit vorerst nicht mehr sehen werde, starteten wir diese letzte Aktion. Ich fragte meine Mitfreiwillige, ob sie Lust habe an diesem Wochenende Beathas Tuck Shop zu streichen. Sie sagte zu, wir kauften Farbe und strichen ihr Zuhause. Und, weil diese Aktion nicht genug sei, wolle sie ihren Kiosk nach mir benennen, um mir dadurch ihre Dankbarkeit zu erweisen.

Volkans Tuck Shop in Namibia

Diese Ehre, die mir zuteilwurde, ist eines der größten Geschenke, die ich je in meinem Leben erhalten habe. So werde ich nie in Vergessenheit geraten, sagte Beatha mir zu, auch so nicht. Sie hat bisher nämlich nur positive Kommentare bezüglich des Streichens erhalten. Meine Kids fragten mich heute, ob ich den Laden gekauft habe und ich für immer in Namibia bleiben würde. Ich sagte ihnen, dass meine Tage gezählt seien, aber sie ihren Eltern sagen sollen, dass sie immer bei Volkans Tuck Shop einkaufen sollen. Je öfter sie dort einkaufen würden, desto schneller käme ich wieder: „The more you buy the sooner I will come back!” - „Okay teacher, I will do so!“ So süß! Ich bin mit einer Organisation in Kontakt, mit der ich gerne nächstes Jahr im Februar mit einer Schülergruppe eines Gymnasiums nach Namibia reisen möchte. Ich bin sehr optimistisch, dass es klappt. Daher ist meine Abreise kein Abschied, sondern ein „Auf Wiedersehen“.


Rock 'n' Roll - Wir rocken NAMIBIA

Malina und ich haben früh beschlossen, keine Abschiedsfeier zu schmeißen, weil wir keinen Grund sahen unsere Abreise zu feiern. Daher fiel mir ein, dass wir unsere letzte gemeinsame Zeit mit den Kindern durch Ausflüge genießen könnten - doch wie? Ich habe einfach alle Firmen angeschrieben, die Touristenattraktionen anbieten und gefragt, ob es die Möglichkeit eines Sponsorings gäbe. Ich habe nicht gedacht, dass ich mit diesen frechen Anfragen erfolgreich sein werde, doch wurde ich vom Gegenteil überrascht. Ich bekam die Zusage für drei Attraktionen: Tommy's Living Desert Tour, Kamelreiten und eine Bootsfahrt durch den Atlantischen Ozean. Bei der Bootsfahrt mussten wir jedoch die Ausgaben der Firma decken - Transport und Treibstoff für das Boot. Diesen Ausflug konnten wir uns durch Spenden finanzieren, die nun aufgebraucht sind. Wie auch unsere Zeit hier in Namibia.

Wir rocken die Living Desert Tour

Und dort fahren sie mit Tommy ab in die Wüste und erleben einen Lehrausflug der besonderen Art - die Living Desert Tour. Tommy bietet diese Touristenattraktion für N$ 650,00 pro Person an, die sich jedoch sehr lohnen. Für unsere 19 Kinder jedoch hat er keinen einzigen Dollar genommen und sponserte uns diesen unvergesslichen Trip. Meine Kinder haben sich an diesem Tag sehr wichtig gefühlt, als Tommy mit drei Autos angefahren kam. Und das durften sie auch, denn es war ihr Tag und ihr Ausflug. Ich habe meine Kinder an diesem Tag noch nie so glücklich gesehen. wie aufgeregt, gespannt und neugierig sie waren. Und diese Freude ist sehr ansteckend und in diesen Momenten wurde mir wieder sehr deutlich, dass mein Dasein einen Sinn hat. Malina und ich sind nicht mitgefahren, weil wir die Tour mit Tommy bereits letztes Jahr gemacht haben und gaben unsere Plätze an die Kinder. Wir hatten dafür nicht viele Bilder, aber ganz viele Erzählungen, als sie wieder zurückkamen.

Tommy, der diese Führungen auf eine fantastische und unterhaltsame Art und Weise, anbietet, fuhr die Kinder durch die Wüste, cruiste mit den Landrovers durch die Sanddünen, zeigte ihnen viele Tiere, die in der Wüste leben - von Schlangen, die sie anfassen durften, über Echsen, Chameleons bis hin zu Spinnen. Anschließend fuhren sie an den höchsten Punkt der Wanderdünen, von dort aus die Kinder einen wahnsinnigen Blick auf den Atlantischen Ozean hatten. Ein Mann mit Stil, Herz und Humor, dem ich sehr dankbar bin, dass er uns diesen Trip ermöglicht hat.



Wir rocken das Kamelreiten

Und dort zieht die Karawane mit 18 kreischenden Kindern und 10 blökenden Kamelen durch die Wüste. Dieser Ausflug war ein bewegungsvolles Abenteuer mit einem dicken Grinsen auf allen Gesichtern, wie auch auf meinem. Und so schaukelten wir 30 Minuten bei purem Sonnenschein durch die Namib-Desert. Jedes Mal, wenn das Kamel ein Geräusch von sich gab, fingen alle Kinder an zu schreien, weil sie Angst bekamen - und so ging es ständig weiter. Alle haben sich irgendwann einen Spaß daraus gemacht, und dann dachte ich mir: "Schrei ich eben auch mit!" - so wanderte eine kreischende Karawane durch die Wüste. Am Ende bekamen wir von Desert Explorers, der Firma, die uns diesen Trip ermöglicht hat, Getränke und Essen aufs Haus. Und so fuhren sie uns mit zwei kleinen Bussen wieder nach Hause, ins DRC. Ich habe vorher, wie alle anderen Kinder, noch kein Kamel geritten und ich habe mich wieder wie ein Kind gefühlt. Ich habe diesen Ausflug, das Zusammensein, sehr genossen.



Wir rocken die Bootsfahrt

Aller guten Dinge sind drei. Die besten Dinge kommen meist im Dreierpack, wie wahr. Wir hatten eine tolle letzte Zeit miteinander, die wir auf einer Bootsfahrt mit 25 Kindern ausklingen ließen. Wir haben ziemlich gefroren, weil das Wetter an diesem Tag nicht mitspielen wollte - es musste sogar ein kleines Boot angefahren kommen, um uns Decken rüberzuwerfen, da wir nicht genug hatten, aber als Ausgleich hatten wir ganz viele Butterbrote, die Malina und ich geschmiert hatten und Süßigkeiten, die kurz vor der Bootsfahrt mit der Post aus Deutschland angekommen sind. Drei Pakete voll mit Süßigkeiten und Schokolade. Herzlichen Dank an Claudia und Anne für ihre Mühe und, dass ihr unseren Trip so versüßt habt. Wir haben leider keine Delphine oder Wale, dafür aber eine Seerobbenkolonie gesehen, die meine Kids trotz des fürchterlichen Geruchs sehr beeindruckt hat. Und ich habe mich davor gefragt und alberte herum, wer sich denn in die Hose gemacht habe, bis sie mich aufklärten, der Geruch käme von den Seerobben. Hach, ich liebe sie, auch wenn sie mich oft in den Wahnsinn treiben, nicht die Seerobben, die Kinder natürlich. Die Seerobben auch.

Liebe Leserschaft, auf Wiedersehen und bis zum nächsten Mal. Mein nächster Newsletter kommt aus Deutschland mit mehr Bildern und besserem Internet: wie ich mich fühle, wie es weitergeht in meinem Leben, welchen Eindruck ich nach einem Jahr auf Familie und Freunde mache, erfahrt ihr im nächsten Newsletter.

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Volkan Sazli
volkan-sazli@web.de
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