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Halbzeit zwischen Dosen, Eiern und Müllsäcken

Halbzeit ist erreicht! Am 26. August fliege ich nach Hause und freue mich wieder in meiner gewohnten Umgebung zu sein und Familie und Freunde in meine Arme schließen zu dürfen. Allmählich merke ich, dass ich die Motivation und die Freude an der Arbeit verliere. Ich bin momentan in der Phase, in dem ich gerne ins Flugzeug steigen und nach Deutschland fliegen würde. Es ist schwer und einsam – ein Jahr am Ende der Welt. Ich hielt mich immer für einen tapferen und starken Kerl, der diesen Freiwilligendienst mit links absolviert, aber dem ist anscheinend doch nicht so. Ich werde nicht aufgeben und diesen Dienst vorzeitig beenden, allein schon nicht wegen der Kinder, die täglich auf mich zählen. Ist es nicht menschlich, sich in so einem Tief zu befinden und darüber nachzudenken, alles hinzuschmeißen, frage ich mich. Und darüber nachzudenken, wofür und für wen ich eigentlich hier bin und was der Sinn dahinter ist? Dann kommen plötzlich Tage wie diese im Projekt, ein kleines Event, das mich daran erinnert, dass mein Dasein einen Sinn hat, ich diese Arbeit und die Kinder liebe. Vor einer Woche veranstalteten wir einen Stationslauf mit verschiedenen Herausforderungen und Spielen, um dem grauen Alltag zu entfliehen und die gemeinsame Zeit miteinander zu genießen.

Am Ende des Newsletters befindet sich ein Button, der zu einem Video führt. Das Video gewährt euch einen kurzen Einblick in mein alltägliches Leben auf der Arbeit und die Schere zwischen Arm und Reich.


1. Station – KEEP THE BALLOON UP

Die Aufgabe an der 1. Station war es, 10 Matheaufgaben zu lösen, die Lösungen anschließend dem Lehrer vorzuzeigen, um dann ein „Permit“, also eine Eintrittskarte, für die nächste Station zu erhalten, die wesentlich mehr Spaß macht, denn: erst wird gefördert, dann gefordert. Wir haben ganz leichte Aufgaben gestellt, um sie nicht unnötig aufzuhalten, dennoch war die Rechnerei für einige eine große Herausforderung.

Es sind leider nicht alle Schülerinnen und Schüler auf demselben Niveau und wir versuchen stets individuell zu betreuen, doch gelingt uns dies nicht immer, da sonst der Rest der Schüler auf der Strecke bleibt. Nach Absolvierung der 1. Aufgabe, galt es ein Luftballon nur (!) mit Hilfe der Stirn von A nach B zu transportieren. Natürlich wurde diese Regel nicht beachtet und Hände und Füße wurden angewendet. Aber, ich war in der Schule nicht anders. Regeln kannte ich oftmals nicht. Im Alter von 21 Jahren sieht die Welt aber schon ganz anders aus.


2. Station - JUMPINGBAG

Bei der 2. Station galt es, für die von uns vorgezeichneten Bilder die passenden Wörter aufzuschreiben. Diese Aufgabe wurde ohne Schwierigkeiten gelöst. Die darauffolgende Herausforderung war, von A nach B und wieder zurück mit Hilfe eines Müllsacks zu springen. Das war ein großer Spaß! An diesem Tag waren auch einige „Straßenkinder“ dabei, die nicht regelmäßig aber gelegentlich erscheinen. Für sie ist es nicht einfach, etwas aufschreiben oder ausrechnen zu müssen, weil sie es nie gelernt haben.



Hintergrundinformation:

Ich hatte ein circa 12jähriges Kind an meiner Seite, das kein Englisch sprechen, keine einzige Matheaufgabe lösen und zu keinem Bild das passende Wort aufschreiben konnte. Es ist mir unmöglich, diesem Kind Lesen & Schreiben beizubringen, wenn es nicht regelmäßig erscheint – ihn zwingen am Unterricht teilzunehmen, kann ich nicht. An dieser Stelle merke ich meine Grenzen: ich kann nicht jedem helfen. Am nächsten Tag habe ich ihn während meiner Mittagspause in der Stadt angetroffen und ihn betteln sehen. „What are you doing here, my dear?“, fragte ich mit Hilfe meiner Hände, „…food!“, antwortete er schüchtern. Ich zögerte, dachte nach, während er schon weiter gelaufen war, und rief ihm hinterher, er solle zurückkommen. Ich lud ihn zum Essen ein. Das hätte ich nicht gemacht, wenn es kein vertrautes Gesicht wäre, den ich mehr oder weniger etwas einschätzen kann. Ich kann und darf nicht jedem vertrauen – es gibt nämlich auch Kinder, die zu Hause regelmäßig eine warme Mahlzeit erhalten, aber dennoch in der Stadt betteln gehen, obwohl sie es nicht nötig hätten. Auch ich wurde so oft getäuscht und hintergangen – ich gebe jemandem einen Finger und sofort wird die ganze Hand genommen, ausgenutzt und fallen gelassen. Ich werde in den Augen dieser Kinder immer „der Weiße“ sein, der in Geld schwimmt. Es vergeht kein Tag, an dem ich nicht gefragt werde, ob ich denn reich sei. Wenn sie nur wüssten, dass ich auch aus keiner wohlhabenden Akademikerfamilie komme und mir nichts in die Wiege gelegt wurde. Als Deutscher mit Migrationshintergrund muss man sich in der Gesellschaft in Deutschland, ob in der Schule oder auf der Arbeit, mehr beweisen. Das ist nun mal so, ob man das wahr haben will oder nicht.


3. Station – SPOON RUN

Malen nach Zahlen war die nächste Aufgabe, um dann mit einem Löffel im Mund, ein Ei sicher ans Ziel zu transportieren. Boah, war das ein Jubel für die Zuschauer, wenn ein Ei auf den Boden geknallt ist, aber ein großer Ärger für denjenigen mit dem Ei. Ich hatte heftigen Spaß zuzuschauen, aber auch ich fieberte mit. Meine Kollegin, Dina, eine Namibierin, fragte mich, ob es denn keine Verschwendung sei, wenn wir Eier dafür nutzen. Eine sehr gerechtfertigte Frage, auf die ich nur mit „Enjoy your life, Dina!“ antworten konnte. Daraufhin nahm sie den Löffel in den Mund und stellte sich der Herausforderung und kurz darauf fiel ihr Ei auf den Boden. Ich fragte sie lachend: „Why are you wasting eggs, Dina?“. Wir haben von 18 Eiern nur 4 verloren und den Rest unserer Kollegin geschenkt.

Hintergrundinformation:

Sicherlich war dies eine Verschwendung, aber es ist nicht verkehrt einfach Spaß zu haben und die Zeit miteinander zu genießen. Wir haben gelacht, wir haben getobt und hatten große Freude zusammen – darauf kam es an. Bei diesem Beitrag fällt mir noch etwas ein, das ich gerne erwähnen möchte. Ein lieber Freund fragte mich, ob Schokolade uns unter den Fingern denn nicht wegschmelzen würde. Swakopmund befindet sich an der Küste Namibias – jeden Tag haben wir durch den kalten und aus der Antarktis kommenden Beguelastrom, Nebel über uns. Es ist regelmäßig windig, kalt und es wird nie wärmer als 25 Grad Celsius, außer im Dezember. Das ist unser wärmster Monat im Jahr und die Temperaturen steigen bis zu 30 Grad. Die Sonne bringt etwas Gleichgewicht in das Wetter und der frische Wind ist durch die sehr warmen Sonnenstrahlen auszuhalten. Es gibt aber auch windstille Tage. Ganz anders ist es im Landesinneren – heiß, trocken, öde. Schokolade ist in Swakopmund sicher und ich bin froh, eine dicke Jacke mitgenommen zu haben, besonders für die Abendstunden. Brr, die sind kaum auszuhalten und zu vergleichen mit der Nordsee. Also, her mit der Schokolade – wir freuen uns.


4. Station – MAKE A MESS


Bei der 4. Station galt es, den schönsten Stern wie nur möglich zu zeichnen, auszuschneiden und dem Lehrer vorzuzeigen, um die Eintrittskarte für die nächste Station zu erhalten. Ich fühlte mich an diesem Tag wie auf der Kirmes – Dosenwerfen war angesagt. Ich musste dafür die Stiftehalter aus der Pre-School nutzen mit dem Versprechen, sie heil wieder zurückzubringen. Ob ich mein Versprechen einhalten konnte, verrate ich nicht. Diese Station war ebenfalls ein voller Erfolg, auch ohne Kettenkarussell, Hau den Lukas oder einem Riesenrad.

Vielen Dank an Frau Laube vom Tennisclub Lese Grün-Weiß 1927 Köln für die gespendeten Tennisbälle, die wir regelmäßig verwenden.

5. Station - PAPER FLIGHT

Bei der vorletzten Station konnten alle Kinder ihrer Lieblingsbeschäftigung nachgehen – Fotos machen! Wenn es eins gibt, das sie lieben, dann ist es vor der Kamera zu posieren und sich selbst auf dem Bildschirm anzuschauen und zu lachen. Ich weiß nicht warum dem so ist, aber ein wenig kann ich das nachvollziehen. Es besitzt kein Kind ein Handy oder eine Kamera, wie es in Deutschland mittlerweile der Fall ist.

Hintergrundinformation:

Es kommen regelmäßig Touristengruppen in das „Township“, das von Einheimischen angeboten und durchgeführt wird. Auch das School Project & Community Center ist eine Haltestation für die Besuchergruppen. Anfangs habe ich diese Art von Attraktion wie die Pest gehasst – Menschen kommen, gaffen, machen ihre Fotos, verlassen das Projekt und anschließend zeigen sie die Fotos in ihrem Freundeskreis höchstwahrscheinlich mit den Worten: „…schau mal, die armen Kinder!“. Sicher besitzen sie nicht so viel wie wir und leben nicht im Überfluss, aber es ist im Prinzip falsch zu sagen, dass sie arm sind. Vertraut mir, sie haben mehr zu geben als in Deutschland lebende Menschen. Hier gibt es kein „Meins“ und „Deins“, hier heißt es „Wir teilen“. Das liegt an der Mentalität der Menschen hier. Nach mehr als 6 Monaten und tausenden von Touristen, die ich im Projekt rumgeführt habe, weil ich musste, habe ich versucht diese Geldmacherei auf Kosten der hier lebenden Menschen zu verstehen: das ist eine gute Einnahmequelle für die Einheimischen. Und, wie sonst soll ein wirklich interessierter Tourist die Gelegenheit bekommen, diese Erfahrung zu machen, außer sich einer Townshiprundfahrt anzuschließen?


6. Station – JUMP! JUMP!

Fast geschafft! Die letzte Station bestand daraus, 3 Länder Afrikas zu nennen. Nur mit Hilfe meinerseits gelang es ihnen, diese Aufgabe zu lösen. Ansonsten nannten sie die Stadt oder die Region, in der sie leben oder Länder in Europa, aber kein einziges Mal ein Land auf ihrem eigenen Kontinent. Ich habe versucht, einige Tipps zu geben und siehe da: Angola, Namibia, Südafrika gehörten zu den häufig genannten Ländern. Ich wollte ihnen den Spaß nicht verderben und habe mir meine strenge Ader an diesem Tag verkniffen. Anschließend galt es, so weit wie nur möglich zu springen, um ihr Geschenk in Empfang nehmen zu können.

Hintergrundinformation:

Es gab T-Shirts, die freundlicherweise von verschiedenen Firmen gesponsert wurden. Mit großer Dankbarkeit wurden diese angenommen. Im Namen der Kinder möchte auch ich mich erneut für die großartige Unterstützung aus Deutschland bedanken. Ich führe eine Portokasse, in die auch Sie einzahlen können, um uns Tage wie diese zu ermöglichen, oder Sie schicken uns ein Paket mit Sachspenden. Zusammen, Sie, Du und Ich, verändern das Projekt, halten es aufrecht und investieren nachhaltig.

Hier geht's zu meinem Video

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Volkan Sazli
volkan-sazli@web.de
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