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Kulturschock

Fernab der Konsumgesellschaft

Mein erster Arbeitstag im School Project & Community Center war voller Eindrücke, von denen ich zum einen positiv, aber auch negativ überwältigt wurde. Als wir das “Township” namens DRC (Democratic Resettlement Community) mit dem Auto betraten und ich diese aneinander gereihten unzähligen “Hütten” bestehend aus Blech, Plastik und Holz sah, wurde mir mulmig im Magen. Ich habe an mein Leben und an die meiner Freunde gedacht, während mir noch gleichzeitig Bilder durch den Kopf schossen: von Smartphones, Laptops, Kameras, Fernsehern – all diese in unseren Augen Selbstverständlichkeiten besitzen wir im Überfluss zu Hause und hier vor Ort sind diese elektronischen Geräte nicht von Bedeutung. Auf der anderen Seite der Weltkugel leben Menschen in ihren Häusern ohne Strom und fließendes Wasser, wir aber verschwenden diesen Luxus ohne darüber nachzudenken. Ich schätze mein Leben in diesem Moment in Deutschland, bin aber gleichzeitig wütend auf mich und den Rest dieser Welt. Ich kann und möchte nicht nachvollziehen können, warum Armut existiert, werde aber die nächsten 12 Monate wohl oder übel damit konfrontiert.



Meine ersten Begegnungen

Als ich an meinem ersten Arbeitstag im Schulprojekt ankam, fielen mir direkt die Kinder auf, die brav mit ihren Schultaschen vor der Tür standen und auf die ehrenamtlichen Lehrer (Ilse und Dina) warteten. Als ich auf die Kinder zukam, rannten sie mir schon entgegen, begrüßten und umarmten mich, als kannten sie mich seit Jahren. Die Klamotten der Kinder sind zum größten Teil sehr abgenutzt und haben viele Löcher, die durch monatelanges Tragen entstanden sind. Es gibt aber auch welche, deren Klamotten sehr gut erhalten sind, weil ihre Eltern sich alle Mühe geben, ihr eigenes Kind so schön wie nur möglich ins Schulprojekt zu schicken. All diese Kinder haben morgens und mittags lange, weite Strecken vor sich, die sie alleine ohne Begleitung ihrer Eltern gehen. Ich begleitete heute Hiskiel, ein vierjähriges Kind aus dem Kindergarten, auf dem Weg nach Hause, doch musste ich mich irgendwann verabschieden, weil mir die Strecke zu weit erschien und meine Mitfreiwillige bereits auf mich wartete. Ich habe erfahren, dass er einen Fußweg von über 5 Kilometer hat, die er alleine gehen muss, da seine Eltern bereits arbeiten, wenn er sein Zuhause verlässt. Ich muss zugeben, dass ich einen großen Respekt vor ihm habe, denn nicht einmal ich als Jugendlicher im Alter von 20 Jahren, dem Busse, Bahnen und Züge zur Verfügung standen, habe es geschafft, immer pünktlich in der Schule anzukommen. Ich schämte mich in diesem Moment.



Klischees

Das Klischee, alle Menschen aus dem sog. „Township“ seien abgemagert, möchte ich hiermit entgegentreten: dem ist nicht so. Es gibt wahrlich Kinder, die ebenso mehr auf den Rippen haben als man es von den Bildern aus den Medien vermittelt bekommt. Tatsächlich gibt es Familien, denen es finanziell so gut geht, dass sie am Tag drei warme Mahlzeiten haben, andere Familien dafür nicht einmal eine. Aber keiner muss hungern, da es soziale Einrichtungen wie z. B. die Suppenküche gibt, die den Kindern Zugang zu einer kleinen Mahlzeit geben. Und wichtig zu erwähnen ist, dass nicht alle Kinder in ein Topf gepackt werden dürfen und hier differenziert werden muss. Jedes dieser Kinder, und das habe ich sofort erleben dürfen, hat einen eigenen, individuellen und bezaubernden Charakter, die alle liebenswert sind.



Einblick in das Leben der Kinder

Ich habe bereits fünf erfolgreiche Arbeitstage im DRC hinter mir und ich blickte den ganzen Tag voller Vorfreude auf das Wochenende. Als ich jedoch zu Hause ankam, meinen Laptop einschaltete und Mails las, stieg währenddessen eine Sehnsucht in mir hoch. Nein, keine Sehnsucht nach meiner Familie oder Freunden in Deutschland, sondern nach der Arbeit, nach den Kindern. Ich wollte sie um mich herum haben. Ich habe in dieser Woche schon das Nachmittagsprogramm in die Hand nehmen dürfen und dachte im Unterricht an ein Thema, das alle betrifft und durch das ich eventuell einen groben Einblick vom Wohnort meiner Schüler bekommen kann. Das Thema war „Living in the Community“ und die Aufgabe bestand darin, die schlechten und gleichzeitig die guten Seiten ihrer eigenen Community aufzuzeichnen. Alle Schüler hatten unter „bad things“ ihr eigenes Zuhause in flammenstehend gezeichnet. Ihr eigenes Zuhause brennt durch die leicht entflammbaren Materialien leider sehr schnell an und ab. Auch steht Gewalt sehr oft in der Tagesordnung, weil Frauen in dieser Community von ihren Männern unterdrückt und geschlagen werden. Ich möchte in diesem Newsletter kein Mitleid erzeugen, sondern durch ihre Zeichnungen herauslesend berichten, wie das Leben meiner Schüler ist und welche Erfahrungen sie in ihrem Alter schon durchleben müssen. Unter „good things“ zeichneten sie ihre Freunde und Familie als ihr wertvollstes Hab und Gut. Jedes dieser Kinder kommt mit Freude in unser Schulprojekt mit der Hoffnung verbunden, mit Gleichgesinnten beisammen zu sein, Spaß zu haben und zu lernen.


Überforderung

Die Eindrücke, die ich bereits machen durfte, kann ich mit Bildern nicht festhalten und schriftlich schon gar nicht wiedergeben. Diese Erfahrung muss man gemacht haben, um sich die hier herrschenden Umstände überhaupt vorstellen zu können. Ich bin sehr überfordert mit all meinen Gedanken und Gefühlen, muss in meinem Kopf daher viel Freiraum schaffen, um das Erlebte und all das, was noch kommen wird, irgendwo abspeichern zu können.


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Volkan Sazli
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