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Kopfüber verliebt mit Aussicht

Heute melde ich mich wieder mit vielen positiven Meldungen aus Namibia. Seit meinem letzten Newsletter hat sich auch meine Stimmung stark ins Positive verändert. Vor vielen Monaten noch habe ich täglich mit dem Gedanken gespielt meine Sachen zu packen und nach Deutschland zu fliegen, weil mir die Einsamkeit bis in den Kopf stieg, aber ich habe neue Herausforderungen für mich entdeckt u. a. habe ich eine mir nun viel bedeutende Freundschaft zu einer alleinerziehenden 21-jährigen Mutter hier im „Township“ geschlossen und ich arbeite aktuell darauf hin, das Projekt sicherer für unsere Kindergartenkinder zu machen. Auf dem Foto bin ich, meine Mitfreiwillige und unsere Schüler zu sehen, wie wir unsere eigene Knete erstellt haben – ein Spaß mit großer Sauerei. Am 25. August fliege ich von Windhoek über Johannesburg nach Frankfurt und freue mich, Freunde und Familie wieder in meine Arme schließen zu können. Es bedarf einer unvorstellbaren Kraft, dass ich mich ein Jahr in einem fremden Land befand und diese Zeit sich schon dem Ende zuneigt. Ich kann und möchte es mir nicht vorstellen und bin sehr gespannt, inwiefern ich mich wieder in Deutschland einlebe und wie stark meine Umgebung oder ich mich verändert haben.

Sicherheit im Projekt

Mir pocht immer das Herz, wenn ich die kleinen Giftzwerge an der Straße spielen sehe, die von Autofahrern ohne Rücksicht auf Menschen als Rennstrecke benutzt wird. Es ist nicht immer möglich alle 30 Kindergartenkinder unter Dach und Fach zu bringen und sie besonders während der großen Pause zu beaufsichtigen. Meine Mitfreiwillige ist während der Pause mit unseren Schülern beschäftigt und ich übernehme in dieser Zeit unser Büro, um für die hier lebenden Erwachsenen als Ansprechpartner zu fungieren, Lebensläufe oder Kopien zu erstellen. Dina, unsere Kindergartenlehrerin, schafft es persönlich auch nicht ihre Augen bei allen Kindern zu haben. Ich habe mir daher überlegt, ein Zaun rund um das Projekt anfertigen und bauen zu lassen. Das bedarf einer großen Summe an Geld, Arbeitskraft und Zeit, aber ich habe mich dieser Herausforderung angenommen und werde mich bis zu meinem Rückflug bemühen, alles in Gang zu setzen, einen solchen Zaun bauen zu lassen. Der Zaun ist laut Kostenvoranschläge diverser Bauunternehmen viel teurer als gedacht, sodass ich noch auf Spenden angewiesen bin. Wir benötigen noch circa € 600,00, sodass wir mit dem Bau anfangen können. Arbeitskraft werde ich durch Kontakte kostenfrei organisieren können. Sobald der Bau vollendet ist, möchte ich diesen Freiwilligendienst abschließen und mit bestem Gewissen von der Zeit in Namibia Abschied nehmen und mich auf einen neuen Lebensabschnitt in Deutschland freuen. Es wäre mir eine unerschütterliche Freude, wenn sich viele Menschen dazu bereiterklären uns in dieser Angelegenheit nachhaltig zu unterstützen.

Durch den Alltag mit Beatha

In den folgenden Zeilen möchte ich über meine Liebe zu Beatha schreiben. In dieser gemütlichen Behausung, kein Scherz, wohnt die alleinerziehende 21-jährige Beatha zusammen mit ihrem neugeborenen Kind, der 2 Monate jung ist und den Namen Tangeni trägt. Sie freut sich sehr und ist vollkommen damit einverstanden, dass ich ihr diesen Blogeintrag widme.

Während meines Tiefs vor drei Monaten, als es mir schlecht ging, habe ich sie kennengelernt. Sie kam zu mir ins Office und fragte mich, ob ich ihr einige Kopien von ihren Dokumenten machen könne, wobei ich mich vielmehr auf ihr dickes Bäuchlein konzentriert habe als auf ihre Bitte nach Kopien und so kamen wir ins Gespräch. Ich wusste schon immer, dass sie auf der anderen Straßenseite lebt und arbeitet. Sie besitzt einen Tuck-Shop, eine Art Kiosk, und verkauft dort Fatcakes, Fisch, Fleisch, Zucker und alles, was Bewohner des „Townships“ gebrauchen und direkt verspeisen können. Der nächste Supermarkt ist viel zu weit entfernt, sodass der Gang zu einem Tuck-Shop vorteilhafter ist. Sie backt und kocht morgens, um nachmittags ihren Shop eröffnen und Geld verdienen zu können, um sich und ihr Kind über die Runden zu bringen.

Kopfüber verliebt mit Aussicht

Ich habe mich direkt in sie und ihre Geschichte verliebt. Ein Mädchen, das in ihren jungen Jahren voller Ehrgeiz, Träume und Wünsche ist. Ich habe mich in ihr wiedererkannt – auch ich hatte Träume und Wünsche und steckte voller Ehrgeiz und habe mir jeden Traum ohne Geld erfüllen können, das Ausleben meiner Schauspielerei und diesen Freiwilligendienst. Unser Antrieb ist unser Ehrgeiz. Ich fing an sie während meiner freien Zeit zu besuchen, wir lernten uns kennen, erzählten uns unsere Lebensgeschichten, fingen an uns zu mögen und sie half mir dabei, wieder Mut zu fassen und positiv auf die nächsten Monate dieses Freiwilligendienstes zu blicken. Sie sprach mir Mut zu und half mir in dieser für mich schwierigen Zeit - dafür und für ihre Freundschaft bin ich ihr sehr dankbar. Worte haben uns verbunden, nichts mehr und nichts weniger.

Ich erinnere mich noch heute an den Tag vor zwei Monaten, an dem sie mir mitten in der Nacht folgende SMS schrieb: „I gave birth to a baby called tangeni. I am bless. God was with me through give birth but it was painfull my dear. “ Ich habe mich so gefreut, dass sie wohlbehalten ihr Kind zur Welt gebracht hat, da sie sehr große Angst vor der Entbindung hatte, weil viele aus ihrer Bekanntschaft eine solche Geburt nicht überstanden haben sollen. Der Vater von Tangeni reagiert auf keine Anrufe und hat sich bis zum heutigen Tag nicht gemeldet. Beatha ist sich nicht einmal sicher, ob er von seinem Kind weiß. Ihr kamen die Tränen, als sie mir vor wenigen Tage wieder erzählte, dass sich Tangenis Vater immer noch nicht melden würde. Sie drehte sich um, um vor mir ihre Tränen zu verstecken, weil es ihr sehr unangenehm war. Ich habe ihr zugesagt, dass ich an ihrer Seite stehe, wie sie damals an meiner Seite stand.

Das ist Alltag hier im „Township“ – entweder arbeitet ein Mann von morgens bis abends und gibt das ersparte Geld für Alkohol aus oder er hat seinen einmaligen Spaß und lässt seine Freundin im Stich und sucht sich eine neue Bekanntschaft. Ausnahmen bestätigen die Regel. Selten ist es der Fall, dass das Gehalt des Mannes zu 100 % in die Familie fließt.

Beatha besaß außer einer Decke keine passenden Klamotten für ihr neugeborenes Baby, sodass ich mich dazu entschlossen habe, mit ihr in die Stadt zu fahren und das Nötigste für Tangeni zu besorgen. Leider wächst er so schnell, dass die Klamotten schon nicht mehr passen. Er ist so ein süßer Fratz und ich will unbedingt Teil seiner Entwicklung sein. Ab und zu helfe ich Beatha aus und kaufe ihr Backpulver, Mehl, Zucker und Holz, um damit Fatcakes zu backen und weiter zu verkaufen, ab und zu versorgt sie auch unsere Kindergartenkinder mit dem von ihr zubereiteten Gebäck. Ein Geben und Nehmen einer besonderen und wertschätzenden Art und Weise, die jede Unterstützung verdient hat. Ich habe mich durch diese monatelange Freundschaft kopfüber in sie und in Tangeni verliebt. Es vergeht kein Arbeitstag, an dem ich sie nicht besuche, neben Tangeni im Bett liege oder ihr beim Kochen zuschaue und ab und zu mithelfe. Mein Herz schmerzt, mich bald schon von ihr verabschieden zu müssen. Sie hat ein Foto von mir in ihrer Bibel, die sie jeden Abend, bevor sie zu Bett geht, liest und für mich mitbetet und mir Gesundheit wünscht.


Auf diesem Bild schlägt sie den Kopf eines Schweines klein, legt ihn anschließend aufs Feuer, um ihn anzubraten, und macht diesen sauber. Anschließend wird dieser weitergebraten bis das Fleisch durch ist und in kleine Fleischstückchen geschnitten. Eine traditionelle Köstlichkeit, die die Bewohner des „Townships“ mit Genuss verzehren.

Auf diesem Foto schneidet Beatha Fische durch die Mitte, holt Organe raus und brät diese an. Der Fisch schmeckt sehr lecker und ich kenne das Gericht aus der türkischen Küche. Meine Mutter hat diese Köstlichkeit selten zubereitet, dafür habe ich mich umso mehr gefreut, als es hieß: „Heute gibt es Hamsi" –gebratene Sardellen. Beatha weiß wie sie Kunden anlocken kann, denn nicht jeder Tuck-Shop bietet diese Spezialität an, sodass sie sich immer wieder überlegt, etwas Spezielles anzubieten, damit ihr die Kunden nicht ausbleiben und sie der Konkurrenz standhalten kann.

Während sie den Fisch und das Schwein zubereitet hat, richtete ihre Freundin das Frühstück her. Es gab traditionellen Papp, ein Maisbrei, der sehr gerne zum Fleisch gegessen wird, weil er u. a. sehr günstig ist und sättigt. Für mich hat der Maisbrei wenig Geschmack, aber ich esse aus Höflichkeit hin und wieder mit. Eine Einladung zum Essen schlägt man aus kulturellen Gründen nicht aus.

Ich denke täglich über die zweiköpfige Familie nach und habe beschlossen, ein Konto in Deutschland zu eröffnen und auf dieses monatlich Geld einzuzahlen, sofern es mir meine finanzielle Lage erlaubt. Ich möchte Tangeni als Patenkind und ihm, sobald er reif ist, Bildung zukommen lassen, indem ich die Gebühren durch mein Erspartes für Kindergarten und Schule bezahle, damit er dadurch viel größere Chancen auf eine gute Arbeitsstelle hat. Meine Vertrauensperson, Jens Detmold, dem ich mein Leben anvertrauen würde und seit über 30 Jahren in Namibia lebt, wird sich um die Familie sorgen, wenn der Zeitpunkt gekommen ist, indem er die Bezahlungen übernimmt. Ich werde ihm die Kreditkarte zusenden, auf das ich monatlich einzahle. Das Georg-Ludwig-Kindergarten ist der perfekte Einstieg für Tangeni, teuer aber sehr qualifizierte Betreuung, in dem Englisch, Deutsch und Afrikaans gesprochen wird, sodass er auch Deutsch sprechen lernt und diese Sprache auch nutzen kann, wenn er mich in Deutschland besuchen sollte.

Aber auch in Namibia leben 20.000 Namibier mit Deutsch als Muttersprache und diese Sprache, wie auch Afrikaans und Englisch, wird hier vor Ort immer wichtiger, auch bei der Suche nach Arbeit. Viele Kinder wachsen vermehrt nur mit Oshiwambo, Otjiherero oder Damara/Nama auf und die Kommunikation unter den „Volksstämmen“ wird dadurch sehr erschwert. Viele meiner Schülerinnen und Schüler haben noch Probleme mit der englischen Sprache, sprechen fast keins, oder nur gebrochen, sodass ich mich oft um ihre Zukunft sorge. Von früh auf muss ihnen Englisch beigebracht werden, damit es im späteren Leben keine Probleme gibt und genau diese Tatsache will ich bei Tangeni verhindern. In diesem Kindergarten wird er einen guten Start haben und dafür möchte ich mich sorgen. Beatha aber möchte ich von diesem Vorhaben aus verschiedenen Gründen noch nichts mitteilen. Ich werde mit ihr, sofern es mir möglich ist, in Kontakt stehen und mit ihr über die nächsten Freiwilligen kommunizieren und weiterhin Unterstützung zukommen lassen.

Als ich Beatha nach ihren Unterlagen fragte, gab sie mir ihren Personalausweis und ihren Pass, damit ich Kopien machen konnte, um eine Mappe mit ihren Unterlagen für mich persönlich anzulegen. Leider hat sie für Tangeni noch keine Papiere beantragen können, weil sein Vater sich noch nicht gemeldet habe und sie sein Einverständnis brauche. Ich habe mich schlau gemacht und herausgefunden, dass sie die Kontaktdaten des Erzeugers nicht angeben brauche, wenn keine vorliegen würden und der Vater sozusagen „unbekannt“ ist. Das wusste sie nicht! Ich freu mich, dass die Bürokratie in dieser Angelegenheit seinen Lauf nimmt und sie die Tage ein Geburtszertifikat beantragen kann.

Auf diesem Bild stehen wir vor ihrem Tuck-Shop, hinter der ihr ebenso ein Wohnraum zur Verfügung steht. Wenn man genauer hinschaut, sieht man das Leuchten einer Lampe in ihrem Shop. Wie ist es möglich, dass sie Strom hat? Ich erwähnte bereits, dass die Hütten selbst keinen Wasser- oder Stromanschluss und keine Kanalisation haben. Alle 300 Meter gibt es eine Wasserstelle, an der gegen Bezahlung mittels einer Karte, die man immer wieder aufladen kann, Wasser geholt werden kann. Straßenlaternen und einen Flutlichtmast in der Mitte des „Townships“ soll vor allem zur Vorbeugung von Kriminalität dienen. Die Stadtbehörde hat bereits über 300 Trockentoiletten kostenlos installiert. Wie ist es also möglich, dass in Beathas Shop eine Glühlampe leuchtet? Ganz einfach – es handelt sich um eine solarbetriebene Lampe. Immer, wenn ich zu Gast bei ihr war, sah ich eine Kerze auf ihrem Tisch stehen, die sie abends nutzt, um ihr Baby zu stillen, sonst hat sie keine Chance irgendetwas sehen zu können. Da es hier sehr oft der Fall ist, dass Hütten anbrennen, fühlte ich mich verantwortlich die Kerze wegzuschaffen, besonders zum Schutz für Tangeni. Ihr eine Taschenlampe zu schenken, wäre auf Dauer durch das Kaufen von Batterien sehr teuer, so entschied ich mich für eine Solarenergieausstattung, die sie tagsüber durch Sonnenlicht aufladen muss und abends nutzen kann. Eine teure, aber nachhaltige Investition, die sich in meinen Augen gelohnt hat.

Ich möchte noch kein Fazit ziehen, aber der Freiwilligendienst war für mich ein voller Erfolg. Ich habe eine Freundschaft geschlossen und eine Familie in mein Herz geschlossen, die ich auch nach meiner Rückkehr unterstützen werde. Ich weiß, wo meine finanzielle Unterstützung ankommt, dass sie in richtigen Händen ist und es sehr gebraucht wird. Dann verzichte ich eben auf die neuesten Gerätschaften der sich immer entwickelnden Technologie. Irgendwann, ja, irgendwann wird Tangeni zu mir fliegen und Deutschland kennenlernen, so wie ich Namibia kennengelernt habe. Er kann sich glücklich schätzen, dass er eine Mutter wie Beatha hat, die sich um ihn sorgt, ihn ernährt und liebt und, dass es Menschen fernab Namibias gibt, die an ihn denken. Ich werde ihn und seine Mutter sehr vermissen - möge dieses Glück, das er momentan hat, stets auf seiner Seite bleiben.

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Volkan Sazli
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www.volkan-in-namibia.de