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Selbstkonflikt

Es sind schon zwei Monate vergangen und mir kommt es so vor, als sei ich eine Ewigkeit hier, weil die Zeit wegen der anspruchsvollen Arbeit so schnell vergeht. Ich fühle mich dank der offenen und liebevollen Menschen als ein Teil der Gesellschaft in Namibia. Es sind viele verschiedene Kulturen und ebenso viele Sprachen hier vertreten - Oshivambo, Oshiherero, Damara, Nama, Afrikaans und viele weitere. Afrikaans ist die gängigste Sprache und so darf ich auch schon mit großem Stolz behaupten, schon einen Smalltalk in dieser Sprache führen zu können. 


Aber zu einem Freiwilligendienst in einem anderen Land gehören auch schlechte Erfahrungen dazu, die ich ebenso gerne teilen möchte. Es ist meines Erachtens eine gesunde Lebenseinstellung besonders schlechten Gedanken und Erfahrungen freien Lauf zu lassen und diese zu teilen. Bei der nun folgenden Geschichte habe ich zum Schutz der Privatsphäre den Namen des Beteiligten geändert:

Vor einem Jahr wurde meiner Kollegin, Dina, eine Namibierin, ihr Schlüsselbund geklaut und seitdem ist dieser nie wieder aufgetaucht. Alle wichtigen Schlüssel zum Öffnen und Schließen des Projekts waren seitdem verschwunden, doch gab es keinerlei Diebstähle und so wurden die Schlösser ebenso nicht erneuert. Vor ein paar Wochen jedoch bemerkte ich im Store-Room, dass unsere Bleistifte und Kugelschreiber immer weniger wurden, besonders auffällig war es, als ich 6 Tüten Äpfel gekauft habe und am darauffolgenden Tag nur noch zwei Tüten vorfand. Ich habe mich sehr geärgert, weil die Äpfel für unsere Kinder im Kindergarten bestimmt waren. Ebenso verschwanden einige Dollar aus unserer Portokasse. Ich berichtete Dina von diesen Vorfällen und sie wurde wütend, bat mich die Pre-School zu übernehmen und hatte die Idee ein paar Hausbesuche zu machen. Den Kindergarten zu leiten erfordert harte Nerven und ein lautes Organ, umso glücklicher war ich als Dina nach einer Stunde zurückkam - mit einer frohen Botschaft.

Sie habe den Dieb durch Tipps anderer Kinder ausfindig machen können. Und ich wollte ihren Worten keinen Glauben schenken, weil ich zutiefst enttäuscht war, als ich den Namen hörte. Timo kam regelmäßig zur Nachmittagsbetreuung und war ein aufgeweckter, junger Mann, den ich sogar in seiner Schule besucht hatte, um zusammen mit dem Schuldirektor ein Problem zu lösen. Ich bot ihm stets meine Hilfe an, unterstützte ihn, jedoch nie materiell, und er hat grundlos mein Vertrauen missbraucht. Ich fühlte mich ausgenutzt und gekränkt. Timo hat all die geklauten Sachen in seiner Schule verkauft, um Geld daraus zu machen.

Dina fand viele Gegenstände, die geklaut wurden, in seinem Zimmer wieder, ebenso ihren Schlüsselbund. Er versteckte alles unter seinem Bett. Ich kann Timos Handlungen nicht nachvollziehen, weil ich ihm stets angeboten hatte, ein offenes Ohr für ihn zu haben, falls er Probleme oder anderweitige Sorgen hat, das er auch oftmals in Anspruch genommen hat. Ich bat Dina, sollte sie mit seinem Vater sprechen wollen, mich zu diesem Gespräch mitzunehmen. Noch am selben Tag besuchte sie die Familie von Timo, weil der Vater den Vorfall klären und besprechen wollte. An diesem Tag betrat ich zum ersten Mal eine solche Hütte im Township und ich war positiv überrascht. Ich empfand das Zuhause der 10-köpfigen (!!) Familie als sehr angenehm und gemütlich, einfach gebaut, aber völlig ausreichend zum Leben. Ich fragte an der Eingangstür höflich die Mutter, ob ich ihr Zuhause betreten dürfe und sie nickte höflich mit einem Lächeln. Es kommt nie vor, dass ein “Oshilumbu”, ein Weißer, zu Besuch kommt, umso geehrter fühlte ich mich ihr Gast sein zu dürfen. Ich war froh über ihre Gastfreundschaft.

Das Oberhaupt der Familie, der Vater, kam erst später von der Arbeit. Als er dann den Raum betrat, schauten alle aus Respekt auf den Boden und es herrschte Stille. In der Ethnie der Ovambo sei es kulturell üblich, dass man beim Sprechen mit einer Respektperson sich nicht in die Augen schaut, sondern den Blick nach unten senkt. Auch die Art und Weise, wie wir es erlernt haben, sich in Gesprächen offen mitzuteilen, ist dann oft fast nicht möglich. Das ist nicht unbedingt ein Ausdruck der Angst, sondern des Respekts.

Der Vater saß sich hin und Dina erklärte ihm ausführlich das Geschehene, während die gesamte Familie ebenso dabei war und still zuhörte. Timo starrte während des gesamten Gesprächs, und davor schon, mit einem Gesichtsausdruck auf den Boden, dem man Reue und Scham herauslesen konnte. Ich hatte Mitleid mit ihm und fühlte mich zugleich schlecht, weil ich das Ganze ins Rollen gebracht habe. Ich hätte den Mund halten müssen und eventuell wäre die folgende Situation niemals passiert. Aber Timo wurde beim Klauen immer unvorsichtiger, aus ein paar Stiften wurden viele Stifte, aus ein paar Süßigkeiten wurden viele Süßigkeiten und die Äpfel haben das Fass zum Überlaufen gebracht. Wenn mir dies nicht aufgefallen wäre, dann irgendwann wen anders. Ich darf mir die Schuld an der Situation nicht geben, und doch ist es nicht leicht das zu akzeptieren. Aber Dina hat den Vorfall eben so in die Hand genommen, wie sie es kennt und wie sie aufgewachsen und erzogen worden ist.

Als sich der Vater den Vorfall angehört hatte, schaute er zu seinem Sohn und machte eine Kopfbewegung, die Richtung Zimmer zeigte. Sie standen auf und gingen in das Zimmer. Dina flüsterte mir: “He wants to beat him now, I want to go!” Und ich sagte daraufhin: “Let’s go, where is the problem?” Und sie erzählte mir, dass es respektlos sei, ohne sich beim Oberhaupt der Familie zu verabschieden, das Haus zu verlassen. Ich nickte und blieb sitzen. Ich habe es aber nicht lange aushalten können.

Ich hörte einen Schlag und gleich danach ein quälendes, lautes Geschrei. Nach jedem Schlag folgte das Geschrei Timos. Und so ging es pausenlos weiter. Ich habe mich gefragt, warum niemand etwas dagegen unternimmt. In mir pochte Wut, Verzweiflung und Ratlosigkeit zugleich. Ich bat Dina aufzustehen und zu gehen, doch sagte sie mir wieder, dass es respektlos sei. Ich sagte ihr, dass ich mir das nicht länger anhören kann, stand auf und verabschiedete mich wenigstens bei der Mutter mit dem Vorwand, ich hätte noch eine wichtige Verabredung, bedankte mich und ging. Als ich das Haus verlassen hatte, pochte mein Herz und mir liefen die Tränen runter. Ich habe die Welt nicht verstehen können und war überfordert mit der Gesamtsituation. Ein Klaps auf den Hintern als Ermahnung erachte ich als in Ordnung, aber Prügel erachte ich als unmenschlich und würdelos. Dina erzählte mir am nächsten Tag, dass sie es auch nicht gut heiße, dies aber ihre Erziehungsmethoden seien und es in den meisten Familien “normal” sei. Das Geschrei aus diesem Zimmer werde ich nie wieder so leicht vergessen. Timo hat nun ein Gespräch bei einer Sozialarbeiterin und ich bin gespannt, ob er dieses Angebot wahrnimmt. Seit diesem Tag habe ich ihn nicht mehr wieder bei uns im Projekt gesehen.

Ich werde in den kommenden Wochen ein weiteres Rundschreiben versenden und mehr auf meine Arbeit im Projekt und mein Leben in Namibia eingehen. Ich freue mich bis dahin über Fragen, die ich gerne in meinem nächsten Newsletter öffentlich für alle beantworten würde. Ebenso werde ich einen Sachspendenaufruf starten, weil Weihnachten vor der Türe steht. Wir freuen uns über gebrauchte Spielzeuge, Puppen und Kinderkleidung. Dazu bald mehr von mir.

Volkan




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Volkan Sazli
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